ALTE GLOCKEN, NEUES SPIEL

Es ist 2007 und ein junger Mann sitzt am Keyboard in meinem Musikstudio. Während der Konfirmandenzeit hatte er sein Interesse an Kirchenmusik entdeckt. Seit circa zwei Jahren nimmt er hin und wieder eine Unterrichtsstunde bei mir. Gerade haben wir kurz unterbrochen, um Noten auszudrucken. Während ich am Computer tippe, höre ich eine Tonfolge vom Keyboard und frage:
„Was spielst du da?“.
„So klingen die Kirchenglocken in Bremen Blumenthal.“, kommt seine überraschende Antwort.

Ich kehre zum Instrument zurück und wundere mich, als ich versuche, die Melodie selbst nachzuspielen.
„Du spielst auf den schwarzen Tasten?“
„Ja. Das sind die Töne – so läuten die Glocken dort.“
„Du weißt vom Hören genau welche Tasten es sind?“
„Ja!“

Fasziniert und beeindruckt, erkläre ich ihm, dass er offensichtlich ein absolutes Gehör hat.
„Kann das nicht jeder Musiker?“
Nein. Das können wirklich nur wenige. Es ist eine ganz besondere Gabe.“

Es vergehen einige Jahre. Mein Schüler kommt weiterhin in unregelmäßigen Abständen zum Unterricht. Er erarbeitet sich vieles selbst und meldet sich dann und wann, wenn er wieder Fragen gesammelt hat oder auf ein bestimmtes Ziel hinarbeitet. Sein Faible für Kirchenglocken bekomme ich nur am Rande mit, bis ich in 2017 ein geplantes Konzert auf Helgoland erwähne. „Sankt Nicolai?“ Das Glockengeläut dieser Kirche habe er sich neulich bei YouTube angehört. Er erklärt mir, wieviele Glocken die Kirche besitzt und nennt mir die Töne. Für mich völlig neu: Wer sich für Kirchenglocken interessiert, kann mittlerweile seiner Leidenschaft im Internet nachgehen.

Ein paar Wochen später ist es soweit: Ich stehe vorm Gotteshaus auf dem Oberland der Hochseeinsel. Tatsächlich läuten gerade die besagten Glocken. Spontan ziehe ich mein iPhone aus der Tasche und schicke meinem Schüler eine Audio-Aufnahme, dann die Frage „Wo bin ich?“.
Kurze Zeit später „pingt“ es: „Du bist auf Helgoland.“ Na – so schwer war das nun wirklich nicht, das Konzert war ja angekündigt. Aber die Idee des „WhatsApp-Glocken-Quiz“ ist geboren!

Bei der nächsten Gelegenheit, eine Trauung in einer Bremerhavener Kirche, schicke ich wieder eine Glockenaufnahme mit der Frage „Wo bin ich?“ Diesmal bin ich wirklich gespannt!. Ungefähr 1 Stunde später kommt die Antwort per Sprachnachricht. Mein Schüler erkennt die Kirche anhand von Glockenzahl und Tonart. Ich höre deutlich an seiner Stimme, dass das Rätseln ihm großen Spaß macht. Rätsel mochte ich schon immer. Ich spüre wie ein „Wetten, dass..?“-Gefühl in mir wächst. Wie genau kennt er die Glocken? In welchem Umkreis? Das muss ja mal getestet werden. Mit dem Handy wird für Glockeninteressierte eine neue Ära eingeläutet…! Mein Schüler nimmt die Herausforderung gerne an und die Technik macht es möglich.

Über die nächsten Monate schicke ich ihm immer wieder Glockenaufnahmen mit der Frage „Wo bin ich?“. Und mein Wissen wächst: „Das ist die größte und tiefste Glocke der Stadt.“ „Das nennt man ein Te Deum Geläut.“ „…ein Wachet Auf Motiv in D.“ „…gegossen zwischen 1200 und 1250, gehören diese Glocken zu den Ältesten der Region.“

Bei einem Gottesdienst in Beverstedt kann ich von der Orgel aus direkt in den Glockenturm gehen. Dort stehend, mache ich meine Aufnahme. „Ich vermute, dass du in Beverstedt bist aber die zweite Glocke ist nicht zu hören.“ Nach dem Gottesdienst läutet es wieder. Ich gehe vor die Kirche und staune. In der Tat sind von hier zwei Glocken zu hören. Die Glockentürme stehen rechts und links. Einfach genial geraten! Mit jedem Austausch von Nachrichten lerne ich dazu und meine Wahrnehmung wird zusehends geschärft. Ich höre jetzt, wieviele Glocken ertönen, weiß, dass es eine Läuteordnung gibt, dass manche Kirchen bis zu 6 Glocken besitzen, dass aber nur zu besonderen Festtagen alle 6 erklingen. Ich höre den Unterschied zwischen einer Moll- und einer Durglocke, achte auf die Obertonstruktur, …

Das „Raten mit SIM-Karten“ wird eine echte Leidenschaft und ich muss über 80 km fahren bis mein Schüler an seine Grenzen kommt: „Die Glocken kenne ich bisher nicht. Das muss erheblich weiter weg sein. Wo bist du?“ Wieviele Jahre habe ich in Kirchen musiziert, ohne überhaupt auf die Glocken zu achten? Gehört, aber nie bewusst hingehört.

Ist es nicht wunderbar, wenn sich eine neue Welt eröffnet, obwohl sie schon immer da war? Im Leben gibt es so viel zu entdecken und in diesem Fall habe ich, der Lehrer, viel von meinem Schüler gelernt. In der heutigen Zeit schimpfen viele darüber, dass unsere Kultur unter dem Einfluss der neuen Medien leidet. Aber hier gibt es ein Gegenbeispiel. Wer sich für Kirchenglocken interessiert, kann sich online informieren. Ob es sich um die zwei Helgoländer Kirchen, den Kölner Dom oder vielleicht York Minster in England handelt, die Glocken kann man heutzutage im Internet hören und sogar schwingen sehen.

Wie entstehen Glocken? Wie unterscheiden sich Traditionen von Land zu Land? Hier gibt es viel zu erfahren und entdecken: Täglich kommen neue Glockenaufnahmen der weltweiten Glockenlandschaft dazu. Anscheinend bin ich nicht der Einzige, der von der Leidenschaft eines anderen angesteckt wurde.

Übrigens: Es ist kein Zufall, dass ich mich für dieses „hörbare Hobby“ begeistern kann. Seit der Kindheit erblinden meine Schwester und ich durch Retinitis Pigmentosa, eine erbliche Augenkrankheit. Jahr für Jahr schränkt sich das Gesichtsfeld ein und es schliessen sich Türen. Autofahren ist für mich schon lange Geschichte. Irgendwann fiel das Notenlesen weg und seit ein paar Jahren erkenne ich keine Gesichter mehr. Jeder, der mit Behinderungen konfrontiert wird, kennt diese Einschränkungen. Ganze Bereiche des Lebens stehen nicht mehr zur Verfügung und dies kann extrem beängstigend und schmerzhaft sein. Trotzdem erlebe ich viel.

Unsere Welt ist wirklich wunderbar gemacht und es öffnen sich auch neue Türen: Manche stoße ich von selber auf. Ich lerne zum Beispiel ein Musikinstrument nach dem anderen. Ich bin neugierig, suche Herausforderungen, die ohne Augenlicht machbar sind und staune immer wieder, wie viel es noch zu entdecken gibt. Andere Türen gehen spontan und völlig unerwartet auf. Ich liebe es, wenn so etwas passiert! So war es bei dem Kirchenglocken-Quiz.

Ein Musikinstrument habe ich noch nicht ausprobiert: Das Glockenspiel. Dafür habe ich das „Kirchenglockenspiel“ und es gibt noch viele Glocken zu entdecken. Ich freue mich über neue Spielorte und mein Smartphone ist immer dabei.

Wenn im Gottesdienst das Orgelvorspiel etwas verspätet anfängt, wissen Sie bescheid. Ich habe gerade die Glocken aufgenommen und muss schnell noch eine „Wo bin ich?“-WhatsApp verschicken.

„Auch in 2020 werde ich viel in den Kirchen unterwegs sein.“ – mit diesem Satz sollte dieser Beitrag ursprünglich zu Ende sein. Ein runder Abschluss für einen Text, der genau auf zwei Seiten DIN-A4 passte. Jetzt läuft aber nichts mehr rund. Die Corona-Krise hat uns fest im Griff und wir erkennen unseren Alltag kaum wieder. Das Unterwegssein ist für alle stark reduziert.

Und die Kirchen? Gottesdienste, Konfirmationen und Konzerte werden abgesagt oder verschoben, aber wenigstens läuten noch die Glocken. In der Stadt ist es merkwürdig still geworden. Der Klang trägt sich noch weiter als sonst über die Dächer und durch die Straßen. Vielleicht nimmt der eine oder andere zum ersten Mal das Läuten wahr. Die ältesten Glocken haben schon manch eine Krisenzeit überstanden und sind deshalb klingende Symbole für Hoffnung und Zuversicht. Für mich ist das regelmäßige Läuten ein willkommenes Stück Normalität. In dieser Zeit ist alles anders und doch geht es irgendwie weiter.

Gestern bekam ich eine WhatsApp Nachricht von einer Frau, die in der Nähe einer Kirche wohnt. Eine Glockenaufnahme! Ich freute mich und konnte es mir natürlich nicht verkneifen, die Aufnahme an meinen Schüler weiterzuleiten. Keine fünf Minuten später hörte ich seine vertraute Stimme: „…dis2 und h1 – eine große Terz im Abstand. Das kann nur die Klosterkirche in Neuenwalde sein. Aber du bist doch nicht vor Ort oder?“ Nein, heutzutage muss man nicht unbedingt vor Ort sein. Ob Home-Office oder Skype-Unterricht, Coroana zwingt uns dazu, neue Wege zu gehen.

Weltweit schwenken Menschen auf die Möglichkeiten des Internets um. Ich nehme zum Beispiel gerade Musikstücke für einen Online-Gottesdienst auf und werde der technisch begabten Kirchengemeinde vorschlagen, dass sie den Gottesdienst mit einem Glockengeläut beginnen lässt. Eine Aufnahme gibt es ja bei YouTube…!

Simon Bellett
Bremerhaven
www.bellett.de

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